„Ihre Blutwerte sind alle in Ordnung.“
Referenzwerte bei einer Blutuntersuchung geben eine wichtige Orientierung. Doch was bedeutet „in Ordnung“ eigentlich? Und bedeutet ein Wert innerhalb des Referenzbereichs automatisch, dass auch gesundheitlich alles in Ordnung ist?
Umgekehrt stellt sich die gleiche Frage: Muss ein Laborwert außerhalb des Referenzbereichs zwangsläufig bedeuten, dass jemand krank ist?
Die Antwort ist in beiden Fällen: Nein.
Peter fühlt sich krank – seine Werte sind aber „normal“
Stellen wir uns Peter vor.
Peter fühlt sich seit einiger Zeit müde und erschöpft. Seine Leistungsfähigkeit hat nachgelassen und er merkt deutlich, dass etwas nicht so ist wie früher.
Bei einer Blutuntersuchung liegen die untersuchten Werte jedoch innerhalb der angegebenen Referenzbereiche.
Auf dem Laborbefund sieht zunächst alles unauffällig aus.
Sabine fühlt sich gesund – ein Wert ist trotzdem auffällig
Bei Sabine ist es genau umgekehrt.
Sie fühlt sich fit, leistungsfähig und gesund. Bei einer Routineuntersuchung wird jedoch festgestellt, dass einer ihrer Laborwerte knapp außerhalb des angegebenen Referenzbereichs liegt.
Ist Peter deshalb automatisch gesund und Sabine krank?
So einfach ist die Interpretation von Laborwerten nicht.
Referenzwerte bei der Blutuntersuchung: Was ist ein Referenzbereich?
Der häufig verwendete Begriff „Normwert“ ist etwas irreführend. Treffender ist die Bezeichnung Referenzbereich oder Referenzintervall.
Hierfür werden die Messwerte einer definierten Referenzpopulation herangezogen. Die Auswahl dieser Referenzpersonen kann beispielsweise Alter, Geschlecht und weitere Kriterien berücksichtigen.
Bei vielen Laborparametern umfasst das Referenzintervall die zentralen 95 % der Werte einer definierten Referenzpopulation.
Das bedeutet bei einem üblichen zweiseitigen Referenzintervall gleichzeitig:
Etwa 2,5 % der Werte liegen unterhalb und etwa 2,5 % oberhalb dieses Bereichs.
Ein Wert außerhalb des Referenzbereichs bedeutet deshalb nicht automatisch Krankheit. Ebenso beweist ein Wert innerhalb des Referenzbereichs nicht automatisch Gesundheit.

Referenzbereich ist nicht gleich medizinische Entscheidungsgrenze
Ein weiterer wichtiger Punkt wird häufig übersehen:
Referenzbereiche und medizinische Entscheidungsgrenzen sind nicht dasselbe.
Für bestimmte Laborparameter existieren Grenzwerte, die aufgrund medizinischer Erkenntnisse beispielsweise zur Risikoeinschätzung, Diagnostik oder für therapeutische Entscheidungen herangezogen werden.
Diese können unabhängig davon festgelegt werden, wie die Werte innerhalb einer Referenzpopulation verteilt sind.
Deshalb sollte ein Laborbefund niemals ausschließlich nach dem Prinzip
„im Referenzbereich = gesund“
„außerhalb des Referenzbereichs = krank“
interpretiert werden.
Wie unterscheidet sich die ganzheitliche Betrachtung?
Bei einer ganzheitlichen Blutuntersuchung betrachte ich Laborwerte deshalb nicht ausschließlich anhand der Frage, ob sie innerhalb oder außerhalb des vom Labor angegebenen Referenzbereichs liegen.
Ergänzend werden bei der ganzheitlichen Befundbetrachtung – abhängig vom jeweiligen Laborparameter – enger gefasste Orientierungsbereiche verwendet.
Diese ergänzenden Orientierungsbereiche sind nicht mit allgemein gültigen medizinischen Referenzbereichen oder diagnostischen Entscheidungsgrenzen gleichzusetzen. Sie dienen der differenzierten Betrachtung des Gesamtbefundes und stellen für sich allein weder eine Diagnose noch einen Krankheitsnachweis dar.
Zur Veranschaulichung wird dabei zwischen folgenden Bereichen unterschieden:
Klinischer Bereich
Hier liegen Werte außerhalb des jeweiligen Referenz- oder Beurteilungsbereichs beziehungsweise im Bereich medizinisch relevanter Entscheidungsgrenzen.
Solche Veränderungen können – abhängig vom jeweiligen Laborparameter und der individuellen Situation – eine weitere diagnostische Abklärung erforderlich machen.
Regulationsbereich
Besonders interessant für die ganzheitliche Betrachtung kann der Übergangsbereich sein.
Ein Laborwert kann beispielsweise noch innerhalb des statistischen Referenzbereichs liegen, sich aber bereits von einem enger gefassten Orientierungsbereich entfernt haben.
Ein solcher Wert stellt für sich allein keine Diagnose und keinen Krankheitsnachweis dar.
Im Zusammenhang mit Beschwerden, Anamnese, zeitlichem Verlauf und weiteren Laborparametern kann er jedoch Anlass sein, genauer hinzusehen.
Optimalbereich
Als Optimalbereich bezeichne ich einen enger gefassten Orientierungsbereich innerhalb meiner ganzheitlichen Befundbetrachtung.
Der Begriff bezeichnet dabei keine allgemein gültige medizinische Entscheidungsgrenze und bedeutet auch nicht, dass ein Wert außerhalb dieses Bereichs automatisch krankhaft ist.
Vielmehr dient dieser Bereich dazu, Laborwerte differenzierter zu betrachten und mögliche Zusammenhänge zwischen verschiedenen Stoffwechsel- und Regulationsbereichen in die Gesamtbetrachtung einzubeziehen.
Entscheidend ist nicht nur ein einzelner Wert
Nehmen wir beispielsweise an, ein einzelner Laborwert liegt im sogenannten Regulationsbereich.
Isoliert betrachtet muss das zunächst wenig bedeuten.
Interessanter für die Gesamtbetrachtung kann es werden, wenn gleichzeitig mehrere zusammenhängende Parameter Veränderungen zeigen und dazu passende Beschwerden oder anamnestische Hinweise bestehen.
Deshalb betrachte ich bei einer ganzheitlichen Blutuntersuchung nicht nur einzelne Zahlen, sondern beispielsweise Zusammenhänge zwischen:
- Blutbildung und Eisenstoffwechsel
- Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen
- Zucker- und Energiestoffwechsel
- Fett- und Lipoproteinstoffwechsel
- Leber- und Nierenfunktion
- Entzündungs- und Immunparametern
- Schilddrüse und weiteren Stoffwechselparametern
So entsteht aus vielen einzelnen Laborwerten ein Gesamtbild, das gemeinsam mit Beschwerden und Anamnese betrachtet werden kann.
Zurück zu Peter und Sabine
Damit wird auch verständlich, warum die Situation von Peter und Sabine kein Widerspruch sein muss.
Peter kann Beschwerden haben, obwohl seine untersuchten Laborwerte innerhalb der jeweiligen Referenzbereiche liegen. Das schließt eine Erkrankung oder andere Ursachen seiner Beschwerden nicht aus.
Sabine kann sich gleichzeitig vollkommen gesund fühlen, obwohl ein einzelner Wert geringfügig außerhalb eines Referenzbereichs liegt. Auch daraus lässt sich für sich allein noch keine Erkrankung ableiten.
Der Laborbefund muss deshalb immer im Zusammenhang mit dem Menschen betrachtet werden.
Von „normal oder krank“ zu einer differenzierten Betrachtung
Die erste Betrachtung eines Laborbefundes beginnt häufig mit der Frage:
- „Liegt der Wert innerhalb oder außerhalb des Referenzbereichs?“
Für eine differenziertere Betrachtung können weitere Fragen hinzukommen:
- Wo innerhalb des Referenzbereichs befindet sich der Wert?
- Wie haben sich die Werte im zeitlichen Verlauf verändert?
- Welche anderen Laborparameter zeigen Veränderungen?
- Passen diese Veränderungen zu den vorhandenen Beschwerden und zur Anamnese?
Und vor allem:
- Ergibt sich aus mehreren Einzelbefunden ein gemeinsames Muster, das genauer betrachtet werden sollte?
Mein Ansatz: Laborwerte im Zusammenhang betrachten
Eine ganzheitliche Blutuntersuchung bedeutet für mich deshalb nicht, klassische Referenzbereiche zu ignorieren oder durch eigene medizinische Grenzwerte zu ersetzen.
Sie bedeutet vielmehr, über die reine Einteilung in „innerhalb“ und „außerhalb“ hinauszuschauen.
Referenzbereiche, medizinische Entscheidungsgrenzen, ergänzende Orientierungsbereiche, Beschwerden, Anamnese, zeitliche Entwicklungen und das Zusammenspiel verschiedener Laborparameter werden gemeinsam betrachtet.
Denn letztlich ist ein Laborwert immer nur eine Momentaufnahme und ein einzelner Baustein der Diagnostik.
Nicht jeder auffällige Laborwert bedeutet Krankheit – und ein unauffälliger Referenzwert schließt Beschwerden oder Erkrankungen nicht automatisch aus.
Gerade deshalb kann es sinnvoll sein, nicht nur einzelne Werte, sondern Zusammenhänge im gesamten Laborbefund zu betrachten.
Mehr erfahren: Ganzheitliche Blutuntersuchung